Was deine Smartwatch über dich verrät: Warum Versicherungen und Hacker sich für deine Fitnessdaten interessieren

Wer heute eine Smartwatch von Google trägt, vertraut ihr die intimsten Details seines Lebens an: Jeder Herzschlag wird aufgezeichnet, jede Schlafphase analysiert, jeder Schritt protokolliert. Diese Datensammlung bei Wear OS Smartwatches wirft eine entscheidende Frage auf, die viele Nutzer gar nicht auf dem Schirm haben: Was passiert eigentlich mit all diesen hochsensiblen Informationen? Die Antwort ist komplexer, als viele denken – und längst nicht so beruhigend, wie es die Werbung suggeriert.

Warum Gesundheitsdaten besonders schützenswert sind

Eure Herzfrequenzvariabilität verrät mehr über euch als jedes Social-Media-Profil. Aus Schlafmustern lassen sich Rückschlüsse auf Krankheiten ziehen, Bewegungsprofile offenbaren euren kompletten Tagesablauf. Diese Daten sind für Versicherungen, Arbeitgeber oder Kriminelle potenziell Gold wert. Während wir uns Gedanken über Passwörter und Zwei-Faktor-Authentifizierung machen, tragen viele von uns gleichzeitig einen Sensor am Handgelenk, der durchgehend biometrische Daten erfasst.

Die Brisanz dieser Informationen hat auch der Gesetzgeber erkannt: Gesundheitsdaten gehören zur sensibelsten Kategorie personenbezogener Daten nach DSGVO. Unternehmen müssen hier besondere Schutzmaßnahmen ergreifen. Doch wie setzen Hersteller wie Google das konkret um?

Was wir wirklich über die Verschlüsselung wissen

Viele Hersteller werben mit Verschlüsselung und Datenschutz, doch die konkreten technischen Details bleiben oft im Dunkeln. Bei Wear OS Smartwatches gibt es zwar Sicherheitsmaßnahmen, aber die genaue Implementierung wird von Google nicht vollständig offengelegt. Was öffentlich bekannt ist: Google unterliegt regulatorischen Verpflichtungen und muss bestimmte Mindeststandards einhalten.

Besonders bei der Fitbit-Übernahme musste Google den Behörden versprechen, Fitbit-Gesundheitsdaten für mindestens zehn Jahre nicht für Google-Werbung zu nutzen. Dieses Versprechen zeigt zweierlei: Erstens nehmen Regulierungsbehörden das Thema ernst. Zweitens hat Google grundsätzlich technischen Zugriff auf diese Daten – sonst wäre ein solches Versprechen gar nicht nötig.

Der Unterschied zwischen Verschlüsselung und tatsächlichem Schutz

Viele Apps und Dienste werben mit verschlüsselter Übertragung, meinen damit aber oft nur die Transportverschlüsselung via HTTPS. Das ist wie ein verschlossener Briefumschlag, der aber an jeder Poststation geöffnet und wieder versiegelt werden kann.

Eine stärkere Form wäre die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der nur Sender und Empfänger die Daten lesen können. Bei Gesundheitsdaten von Smartwatches ist diese Form der Verschlüsselung allerdings problematisch: Die Daten müssen verarbeitet werden, um euch Auswertungen, Trends und Empfehlungen zu liefern. Das bedeutet, dass der Dienstleister – in diesem Fall Google – die Daten entschlüsseln und analysieren können muss.

Die Behauptung, dass selbst Google-Mitarbeiter keinen Zugriff auf eure Gesundheitsdaten hätten, ist daher mit Vorsicht zu genießen. Technisch möglich wäre das nur bei vollständiger Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, die aber die smarten Funktionen eurer Watch stark einschränken würde.

Was die Regulierung vorschreibt

Google Play hat 2024 spezifische Richtlinien für Apps erlassen, die auf Gesundheitsdaten zugreifen. Diese Richtlinien verpflichten Entwickler zu umfassenden technischen, administrativen und physischen Sicherheitsmaßnahmen. Dazu gehört die Verschlüsselung von Daten sowohl im Ruhezustand als auch während der Übertragung sowie strikte Zugriffskontrollen.

Diese Regeln beschränken auch die zulässigen Anwendungsfälle – Apps dürfen Gesundheitsdaten nicht als unregulierte medizinische Tools missbrauchen. Das sind wichtige Schritte, aber sie zeigen auch: Viele Schutzmaßnahmen entstehen durch regulatorischen Druck, nicht unbedingt aus freiwilliger Initiative der Hersteller.

Was schützt die Verschlüsselung wirklich

Moderne Sicherheitskonzepte bieten Schutz gegen verschiedene Bedrohungsszenarien, die im Alltag durchaus relevant sind. Im Café-WLAN oder am Flughafen können Daten nicht einfach abgefangen und gelesen werden, wenn die Übertragung verschlüsselt ist. Eine gesperrte Smartwatch mit verschlüsseltem Speicher schützt eure Daten bei Verlust besser als ungesicherte Geräte. Verschlüsselung kann auch verhindern, dass Malware direkt auf Gesundheitsdaten zugreift – allerdings nur, wenn die Schadsoftware nicht bereits administrative Rechte hat.

Die Grenzen der Verschlüsselung verstehen

Absolute Sicherheit gibt es nie. Verschlüsselung schützt Daten während der Übertragung und Speicherung, aber nicht vor allen Risiken. Ein Beispiel aus der Praxis: Bei Fitbit wurden in der Vergangenheit Nutzerdaten wie Namen, Geburtsdaten, Gewicht, Größe, Geschlecht und geografischer Standort aufgrund fehlender Passwortschutzierung und Verschlüsselung in Datenbanken preisgegeben. Solche Vorfälle zeigen, dass theoretische Sicherheitskonzepte und praktische Umsetzung nicht immer übereinstimmen.

Wenn ihr Drittanbieter-Apps nutzt, die Zugriff auf eure Fitness-Plattform erhalten, verlasst ihr den geschützten Bereich. Diese Apps können eure Daten auf eigenen Servern speichern – oft mit schwächeren Sicherheitsstandards. Cybersecurity-Experten warnen davor, dass Cybercriminals potentially gaining access zu Wearables erhebliche Risiken für Nutzer bedeuten kann.

Praktische Sicherheitstipps für Smartwatch-Nutzer

Um das Sicherheitsniveau eurer Gesundheitsdaten zu maximieren, solltet ihr einige Punkte beachten. Eine PIN oder ein Muster auf der Smartwatch verhindert unbefugten Zugriff bei Verlust. Gebt nur Apps Zugriff auf eure Fitness-Plattform, denen ihr wirklich vertraut, und kontrolliert regelmäßig in den Einstellungen, welche Anwendungen Zugriff haben. Schützt euer Google-Konto mit Zweifaktor-Authentifizierung, damit niemand über euren Account auf die Fitnessdaten zugreifen kann. Haltet Wear OS und eure Fitness-Apps aktuell, denn Sicherheitsupdates schließen bekannte Lücken.

GPS-Daten sind besonders sensibel – überlegt, ob jede Aktivität wirklich einen Standortverlauf benötigen muss. Ab Wear OS 5 gibt es ein Privatsphäre-Dashboard, das euch eine zentrale Ansicht der Datennutzung jeder App bietet, einschließlich Details darüber, auf welche Datentypen zugegriffen wird und wann zuletzt ein Zugriff erfolgte.

Transparenz versus Funktionalität – ein Balanceakt

Viele smarte Funktionen eurer Watch – personalisierte Trainingsempfehlungen, Gesundheitstrends, automatische Aktivitätserkennung – benötigen Zugriff auf eure Daten. Je stärker verschlüsselt und isoliert die Informationen sind, desto schwieriger wird es, solche Features umzusetzen. Hersteller müssen hier einen Mittelweg finden zwischen Datenschutz und Komfort.

Für Nutzer, die maximale Privatsphäre wünschen, gibt es Alternativen wie Gadgetbridge – eine Open-Source-Lösung, die datenschutzfreundlicher funktioniert, da sie keine Netzwerkberechtigung hat und Daten ausschließlich lokal auf dem Smartphone speichert. Der Nachteil: Auf Cloud-basierte Auswertungen und viele smarte Features muss man dann verzichten.

Die Fitbit-Integration zeigt die Herausforderungen

Die schrittweise Integration von Fitbit in das Google-Ökosystem illustriert die Komplexität des Themas. Ab 2025 wird voraussichtlich ein Google-Konto für Fitbit-Nutzer obligatorisch sein. Das bedeutet: Gesundheitsdaten, die bisher in einem separaten System gespeichert waren, werden Teil des größeren Google-Universums.

Diese Entwicklung wirft Fragen auf: Wenn Google versprechen muss, Fitbit-Daten nicht für Werbung zu nutzen, zeigt das, dass die technische Möglichkeit dazu besteht. Die Trennung zwischen verschiedenen Datensilos innerhalb eines Konzerns ist eine organisatorische Entscheidung, keine technische Unmöglichkeit.

Wie steht Wear OS im Vergleich da

Im Vergleich zur Konkurrenz bewegt sich Google im Mittelfeld. Apple verfolgt mit der Apple Watch einen ähnlichen Ansatz und betont besonders die lokale Datenspeicherung mit starker Verschlüsselung. Bei beiden großen Anbietern profitiert ihr von etablierten Sicherheitsstrukturen und regulatorischer Kontrolle.

Günstigere Fitness-Tracker kleinerer Hersteller haben oft schwächere Sicherheitskonzepte. Untersuchungen der Verbraucherzentrale zu Wearables und Fitness-Apps zeigen, dass Datenschutzpraktiken stark variieren. Bei No-Name-Produkten landen Daten teils unverschlüsselt auf Servern in Drittländern ohne angemessene Datenschutzstandards.

Was ihr wissen solltet

Das Thema Datenschutz bei Smartwatches ist komplex. Moderne Geräte wie Wear OS Smartwatches bieten Sicherheitsmaßnahmen, deren genaue Funktionsweise aber oft nicht vollständig transparent ist. Verschlüsselung schützt eure Daten während der Übertragung, aber am Zielort müssen sie verarbeitet werden können – sonst funktionieren die smarten Features nicht.

Regulatorische Vorgaben sorgen für Mindeststandards, und Hersteller wie Google sind verpflichtet, bestimmte Schutzmaßnahmen zu implementieren. Dennoch solltet ihr nicht blind vertrauen, sondern die verfügbaren Sicherheitsfunktionen aktiv nutzen und bewusst entscheiden, welche Daten ihr erfassen und teilen möchtet.

Eure Gesundheit geht niemanden etwas an – auch nicht digital. Nutzt Bildschirmsperren, prüft App-Berechtigungen regelmäßig und überlegt genau, welche Dienste wirklich Zugriff auf eure intimsten Daten benötigen. Das Privatsphäre-Dashboard in Wear OS 5 ist ein nützliches Werkzeug, um den Überblick zu behalten. Und wenn euch Datenschutz wichtiger ist als Cloud-Features, können Open-Source-Alternativen eine Überlegung wert sein.

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