Sie zahlen 25 Prozent mehr für Dinkel: Was Hersteller Ihnen bei der Kennzeichnung verschweigen

Wer im Supermarkt zu Produkten mit der Aufschrift „Dinkel“ greift, geht meist davon aus, dass auch tatsächlich reines Dinkel enthalten ist. Doch die Realität bei Backwaren, Nudeln und anderen Lebensmitteln sieht oft anders aus: Viele dieser Produkte können Spuren oder geringe Mengen an Weizen enthalten. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt hat diese Praxis untersucht und dabei festgestellt, dass nur etwa die Hälfte der Dinkelprodukte wirklich geringe Verunreinigungen aufweist. Diese Erkenntnis wirft grundlegende Fragen zum Verbraucherschutz auf und zeigt, wie wichtig es ist, Etiketten kritisch zu hinterfragen.

Warum Dinkel so beliebt geworden ist

Dinkel erlebt seit Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung. Dem Urgetreide wird eine bessere Verträglichkeit nachgesagt, auch wenn wissenschaftliche Belege hierzu bislang nur spärlich sind. Dennoch schätzen Verbraucher den nussigen Geschmack und die Tradition, die mit diesem alten Getreide verbunden ist. Nicht zuletzt spielt auch der ökologische Aspekt eine Rolle: Dinkel zeichnet sich durch seine gute Winterhärte und die gegenüber Weizen geringeren Boden- und Stickstoffansprüche aus. Diese steigende Nachfrage hat dazu geführt, dass immer mehr Produkte mit dem Zusatz „Dinkel“ in den Regalen stehen. Doch zwischen Verbrauchererwartung und tatsächlichem Inhalt klafft manchmal eine beachtliche Lücke.

Die rechtliche Grauzone bei der Kennzeichnung

Die Crux liegt in den rechtlichen Bestimmungen: Lebensmittelrechtlich verankerte Grenzwerte für einen tolerierbaren Gehalt von Weichweizen in Dinkel existieren nicht. Allerdings gibt es verbindliche Leitsätze, die als rechtlich relevante Standards gelten. Nach den Leitsätzen für Brot und Kleingebäck müssen Dinkelbrote und Dinkelbrötchen zu mindestens 90 Prozent aus Dinkelerzeugnissen hergestellt werden. Für Dinkelteigwaren gilt sogar, dass sie ausschließlich die namensgebende Getreideart enthalten sollen.

Untersuchungen des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts zeigen ein differenziertes Bild: 50 Prozent der Proben wiesen nur geringe Verunreinigungen durch Weichweizen von 5 Prozent und weniger auf, weitere 28 Prozent lagen im Toleranzbereich bis 10 Prozent. Immerhin 22 Prozent der Proben zeigten deutliche Verunreinigungen von 10 bis 20 Prozent. Bei der neuesten Erhebung von 2023 sank dieser Anteil auf 17,6 Prozent. Diese Verunreinigungen entstehen oft nicht durch bewusste Beimischung, sondern durch technische Gegebenheiten in der Verarbeitung.

Die Zutatenliste verrät die Wahrheit

Die Wahrheit über den tatsächlichen Dinkelanteil findet sich ausschließlich in der Zutatenliste. Dort müssen die Inhaltsstoffe nach Gewicht absteigend aufgeführt werden. Steht an erster Stelle „Dinkelmehl“, ist dies zumindest ein gutes Zeichen. Erscheint jedoch „Weizenmehl“ vor oder direkt nach „Dinkelmehl“, sollten bei bewussten Konsumenten die Alarmglocken läuten. Besonders tückisch wird es, wenn verschiedene Weizenformen getrennt aufgeführt werden – etwa „Weizenmehl“, „Weizenkleie“ oder „Weizenmalz“. In der Summe kann der Weizenanteil dann den Dinkelanteil übersteigen, ohne dass dies auf den ersten Blick erkennbar wäre.

Warum überhaupt Weizen in Dinkelprodukten landet

Einträge durch herkömmlichen Weizen lassen sich bei Dinkelmehlen aus Mühlenbetrieben nicht ganz vermeiden. Allerdings zeigen die Untersuchungen, dass bei Dinkelmehlen Weichweizen-Anteile von weniger als 5 Prozent technisch machbar sind. Die Gründe für Verunreinigungen oder bewusste Beimischungen sind vielfältig und reichen von den Backeigenschaften über den Preis bis zur Verfügbarkeit.

Dinkel hat trotz eines höheren Klebergehalts eine schlechtere Backfähigkeit als Weizen. Dies macht die Verarbeitung anspruchsvoller und kann die industrielle Produktion erschweren. Aufgrund des geringeren Ertrags und der aufwändigeren Gewinnung des Korns sind die Erzeugerpreise von Dinkel etwa 25 Prozent höher als bei herkömmlichem Weizen. Im Handel ist dieser Unterschied oft noch deutlich größer. Hinzu kommt, dass Dinkel in geringeren Mengen angebaut wird als Weizen, was für große Produktionsmengen logistische Herausforderungen bedeuten kann. In Mühlen, die sowohl Weizen als auch Dinkel verarbeiten, sind geringe Vermischungen kaum vollständig zu vermeiden.

So nachvollziehbar manche dieser Argumente sein mögen – sie rechtfertigen nicht die irreführende Bewerbung als reines Dinkelprodukt, wenn die tatsächlichen Anteile davon deutlich abweichen.

Besondere Vorsicht für Menschen mit Unverträglichkeiten

Besonders wichtig ist die klare Kennzeichnung für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Da es sich bei Dinkel und bei Weichweizen um eng verwandte Weizenarten handelt, sollten Weizenallergiker und Personen mit einer Glutenintoleranz Dinkelprodukte genauso meiden wie Weichweizen. Dinkel ist also grundsätzlich keine Alternative für Menschen mit Zöliakie oder Weizenallergie. Wer jedoch aus anderen Gründen Weizen meiden möchte und gezielt zu Dinkelprodukten greift, hat ein berechtigtes Interesse daran zu wissen, wie hoch der tatsächliche Dinkelanteil ist.

Wenn Premiumpreise nicht der Qualität entsprechen

Viele Verbraucher wählen Dinkelprodukte gezielt aufgrund ihrer erwarteten Qualität und sind bereit, dafür mehr zu bezahlen. Wenn diese Produkte dann aber erhebliche Mengen an preiswertem Weizen enthalten, zahlt man einen Premiumpreis für ein Produkt, das nicht den Erwartungen entspricht. Dies stellt eine klare Verbrauchertäuschung dar und untergräbt langfristig das Vertrauen in die gesamte Branche.

So erkennt man echte Dinkelprodukte

Mit etwas Aufmerksamkeit lassen sich Dinkelprodukte mit hohem Reinheitsgrad durchaus identifizieren. Die Zutatenliste sollte man genau studieren – nur wenn ausschließlich Dinkelmehl, Dinkelgrieß oder ähnliche Dinkelformen aufgeführt sind, handelt es sich um ein reines Produkt. Manche Hersteller geben freiwillig den Dinkelanteil an. Steht dort „mit 40 Prozent Dinkel“, weiß man wenigstens, woran man ist. Begriffe wie „Dinkel-Art“ oder „Dinkel-Spezialität“ sollte man hinterfragen, denn diese Formulierungen deuten oft auf Mischprodukte hin.

Bio-Qualität ist zwar keine hundertprozentige Sicherheit, doch Bio-Hersteller setzen tendenziell häufiger auf reine Dinkelprodukte. Bei Unklarheiten lohnt es sich nachzufragen – seriöse Hersteller geben bereitwillig Auskunft über die genaue Zusammensetzung ihrer Produkte.

Was Verbraucher aktiv tun können

Der beste Schutz vor irreführenden Verkaufsbezeichnungen ist Information. Je mehr Verbraucher die Zutatenlisten kritisch prüfen und gegebenenfalls Produkte mit unklarer Deklaration meiden, desto stärker wird der Druck auf Hersteller, transparent zu kommunizieren. Wer sich getäuscht fühlt, kann dies auch der zuständigen Lebensmittelüberwachung oder Verbraucherzentralen melden. Diese Institutionen führen Listen mit irreführend beworbenen Produkten und können bei systematischen Verstößen einschreiten.

Die Untersuchungen zeigen jedoch auch einen positiven Trend: Die Qualität hat sich in den letzten Jahren verbessert. Die Mehrzahl der Produkte weist heute nur noch geringe Verunreinigungen auf, und die technische Machbarkeit sehr reiner Dinkelprodukte ist längst bewiesen. Dies beweist, dass hohe Reinheitsgrade möglich sind, wenn Hersteller entsprechend sorgfältig arbeiten.

Kontrolle und Transparenz nehmen zu

Verbraucherschutzorganisationen und Untersuchungsämter haben das Problem erkannt und nehmen entsprechende Produkte regelmäßig unter die Lupe. Die systematischen Erhebungen schaffen Transparenz und setzen Hersteller unter Beobachtung. Immer wieder werden Produkte öffentlich kritisiert, deren Bewerbung nicht mit dem tatsächlichen Inhalt übereinstimmt. Die verbindlichen Leitsätze für Brot, Kleingebäck und Teigwaren bieten eine rechtliche Grundlage für die Bewertung. Einzelne Bundesländer haben angekündigt, die Kennzeichnungspraxis bei Getreideprodukten verstärkt zu überprüfen.

Das Thema Kennzeichnung bei Dinkelprodukten ist symptomatisch für ein größeres Problem im Lebensmittelbereich: die Diskrepanz zwischen Marketing und tatsächlichem Produktinhalt. Während auf der Verpackungsvorderseite mit wertigen Zutaten geworben wird, offenbart die Rückseite manchmal eine ernüchternde Realität. Die Entwicklung geht jedoch in die richtige Richtung, wie die neuesten Zahlen belegen. Verbraucher haben das Recht auf ehrliche und klare Informationen. Die Lebensmittelindustrie täte gut daran, dieses Vertrauen nicht durch irreführende Bezeichnungen zu verspielen. Informierte Konsumenten werden sich langfristig für die Produkte entscheiden, die halten, was sie versprechen – und zwar nicht nur im Kleingedruckten, sondern schon auf der Verpackungsvorderseite.

Hast du schon mal Weizen in Dinkelprodukten vermutet?
Nie drüber nachgedacht
Immer die Zutatenliste gecheckt
Fühle mich jetzt getäuscht
Zahle nicht Premiumpreis für Mogel
Bio ist mir Sicherheit genug

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